Soulsinger
( Das ist mein Name – das bin ich ! )
Yaris überquerte das kleine Plateau,
das sich vor dem Höhleneingang erstreckte und blieb vor der Stammesältesten
Raincloud stehen. Die Spitzen ihrer hellbraunen Schwingen berührten fast den
Boden und an den kleinen Flaumfedern an ihren Flügelansätzen, erkannte sie, daß
sie lang nicht so gelassen war, wie sie sich selbst weismachen wollte.
Hinter
ihr hatten sich sämtliche Stammesmitglieder versammelt und warteten neugierig.
Was
mich dort drinnen wohl erwartet, ging es ihr zum tausendsten Mal durch den Kopf.
Fast jeder Skydancer ging in die Höhlen, aber kaum einer von ihnen erzählte,
was er dort gesehen und erlebt hatte.
„Kind Yaris, warum bist du gekommen?“ sprach
die Älteste die rituellen Worte und spreizte ein wenig die Schwingen, als
wollte sie ihr den Zugang zu den Höhlen verwehren.
„Um mich und meine Bestimmung zu finden“,
antwortete sie.
Die Älteste nickte. „So geh und kehre mit deinem
neuen Namen wieder. Mögen dich die Monde auf deiner Reise begleiten und dich
beschützen.“
Sie trat zur Seite und gab die gähnende Schwärze
des Höhleneingangs frei.
Yaris
tat einen tiefen Atemzug und trat in die tiefe Finsternis ein. Obwohl sie nichts
sehen konnte, ging sie langsam weiter. Vorsichtig streckte sie die schlanke Hand
nach der rauen Felswand aus und taste sich voran. Auch als sich ihre Augen an
die Dunkelheit gewöhnt hatten, und sie durch das kleine bißchen Tageslicht,
das bis hierher vordrang, den Fels sehen konnte, ließ sie die Finger über das
Gestein streifen. Der Feld gab ihr eine gewisse Sicherheit, da sie doch nicht
wusste, was sie erwartete.
Ihre
Freundin Niran war fünf Jahreszeitenwechsel vor ihr zu ihrer Suche aufgebrochen
und als Cliffdancer zum Stamm zurückgekehrt. Sie hatte ihr erklärt, daß die
Erfahrungen, die ein Skydancer bei seiner Suche machte, sogar noch intimer
waren, als der Seelenname. Denn den Seelennamen erfuhr der Gefährte durch
Erkennen. Die Erfahrungen der Suche teilte ein Skydancer aber fast nie.
Die
junge Elfe drang immer tiefer in den Berg vor. Irgendwann war auch der letzte
Funken Tageslicht verschwunden. Sie hob die andere Hand über den Kopf, um
herauszufinden, wie hoch der Gang war und berührte nichts.
Wenigstens
muß ich mir keine Sorgen machen, daß ich mir den Kopf stoße.
Sie
folgte den Windungen des Ganges immer tiefer in den Berg. Vor ihr schien die
Dunkelheit einem schwachen Schimmern zu weichen und kurz darauf trat sie in eine
Höhle von gewaltigen Ausmaßen. Yaris staunte. Riesige Felssäulen wuchsen vom
Boden hinauf. Und von oben hingen, ebenso riesig, Felsenspitzen herab. Fast sah
es so aus, als risse ein Raubtier das Maul auf. Die Elfe ging weiter in die Höhle
hinein. Einige dieser Felsspitzen wuchsen zusammen. Staunend berührte Yaris im
Vorbeigehen eine dieser Säulen, deren Verbindung kaum dicker war, als einer
ihrer Finger.
Schließlich
blieb sie stehen und sah sich ehrfürchtig um. Was sich da vor ihr auftat, war
nicht nur eine einfache Höhle, sondern ein gigantischer Dom. Das Licht, das ihn
erhellte, kam von oben. Sie ging weiter hinein, breitete die Schwingen aus und
hob ab. Sie brauchte ein ganze Weile, bis sie die Höhle einmal in ihrem Umfang
umflogen hatte. Sie änderte die Richtung und flog nun in einer Spirale immer
weiter aufwärts, dem Licht entgegen. Während sie sich dem Lichtschein näherte,
glaubte sie plötzlich ein Summen zu hören. Sie hielt inne, bewegte die
Schwingen so, daß sie in der Luft stand und sah sich um. Der Ton war verstummt.
Yaris zuckte die Schultern und setzte ihren Weg fort. Und da war das Summen
wieder. Als sie schneller aufstieg, änderte es sich und fast meinte sie, eine
Melodie zu hören.
Endlich
langte sie am höchsten Punkt des Doms an und sah sich etwas fast enttäuscht
um. Es war immer noch hell, aber sie konnte beim besten Willen nicht
herausfinden, warum. Sobald sie zu einer Stelle flog, von der das Licht zu
kommen schien, war es weg und schien von wo ganz anders zu kommen.
Schließlich
gab sie auf und stieß im Sturzflug hinab. Und da war sie wieder, diese Melodie!
Je schneller der Sturz wurde, desto lieblicher war die Melodie. Unbewusst begann
Yaris, die Töne mitzusummen. Ohne einen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden,
beendete sie den Sturzflug knapp über dem Höhlenboden und zogen wieder hoch,
stieg in einer Spirale wieder auf und ging erneut in den Sturzflug über. Völlig
in der sich wiederholenden Tonfolge gefangen, wurde sie schneller und schneller.
Und plötzlich ...
Plötzlich
fühlte sie sich leicht ... so leicht. Sie sah hinunter und erblickte ihren Körper
direkt unter sich. Lächelnd beobachtete sie sich selbst. Erstaunt stellte sie
fest, daß sie überhaupt nicht beunruhigt war. Im Gegenteil, es war ein
herrliches Gefühl. Sie versuchte, sich noch weiter zu lösen und zu ihrer
Freude gelang es. Sie stieg weiter auf, immer weiter und ihr Körper blieb unter
ihr zurück. Kurz war sie von Dunkelheit umgeben, dann schwebte sie über den
Berggipfeln im hellen Sonnenschein.
Dann
entdeckte sie ihre Freundin Snowfeather, die so dicht an einer Felsklippe
entlang flog, daß die Flügelspitze fast das Gestein streifte. Yaris wollte sie
rufen, sie warnen ...
Plötzlich
berührte Snowfeather tatsächlich die Felsen. Erschrocken zuckte die Elfe
zusammen, kam ins Trudeln und stürzte. Entsetzt und hilflos musste Yaris
mitansehen, wie Snowfeather fiel und auf dem Boden aufprallte. Reglos blieb sie
liegen. Ängstlich glitt Yaris zu ihr hinunter. Die Augen der Elfe waren
geschlossen, einer ihrer schneeweißen Flügel stand in einem seltsamen Winkel
ab. Yaris wusste nicht, ob da noch innere Verletzungen waren. Vorsichtig
streckte sie ihren Geist nach dem Snowfeather’s aus und atmete erleichtert auf
– sie war am Leben, wenn auch ohne Bewusstsein.
Sie
konnte ihr nicht helfen, denn ihr Körper war in der Höhle. Sie konnte dorthin
zurückkehren, aber dann musste sie erst aus dem Labyrinth herausfinden. Es war
aussichtslos, es sein denn ...
Yaris
folgte einer aufkeimenden Idee und konzentrierte sich auf den Horst[2].
In Gedankenschnelle fand sie sich in dessen Zentrum wieder.
>*Heiler!
Deine Hilfe wird gebraucht!*< versuchte sie zu senden. Als sie sah, wie
einige der Elfen die Köpfe hoben und sich aufmerksam umsahen, sendete sie die
Bilder von Snowfeather’s Absturz. Erleichtert beobachtete sie, wie sich einige
der Elfen sofort auf den Weg machten. Yaris konzentrierte ihre Gedanken auf ihre
Freundin und kehrte zu ihr zurück.
Snowfeather
war inzwischen erwacht. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht starrte sie in den
blauen Himmel.
>*Snowfeather!
Hörst du mich?*< Die verletzte Elfe drehte suchend den Kopf „Yaris? ... du
bist doch in den Höhlen. Wieso ...“ Snowfeather versuchte sich aufzusetzen,
schaffte es aber nicht. Sie stöhnte vor Schmerz.
>*Bleib
liegen. Hilfe ist unterwegs.*< Yaris kam eine Idee. >*Ich möchte etwas
versuchen ... sing mit mir, Snowfeather.*< und sie begann, die Töne der
Melodie zu singen. Snowfeather hörte erst zu, fiel dann zögernd ein. Sie
schloss die Augen, als sich die Melodie wiederholte. Es dauerte nicht lange, bis
sich Snowfeather von ihrem Körper löste und erstaunt feststellte, dass sie keine Schmerzen mehr spürte.
Yaris
hatte den Vorgang als sanftes Schimmern wahrgenommen. Und kurz fragte sie sich,
ob das bei ihr auch so ausgesehen hatte.
Gemeinsam
beobachteten sie, wie der Heiler mit den anderen ankam und seine Arbeit tat. Als
er fertig war, leitete Yaris Snowfeather wieder zurück. Zufrieden beobachtete
sie, wie sich die Elfe kurz darauf erhob und mit den anderen zum Horst zurückkehrte.
Yaris
beschloß, selbst auch zurückzukehren. Wieder kostete es sie nur einen Gedanken
und sie schwebte über ihrem Körper. Sacht glitt sie in ihn hinein, fühlte
ihre kalten Glieder. Mühsam erhob sie sich, legte die Schwingen eng um ihre
Schultern, um sich zu wärmen und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Beim
Verlassen des Felsendoms drehte sie sich kurz um. Er hatte nichts von seiner Prächtigkeit
und Faszination eingebüßt, doch das Leuchten, das sie angelockt hatte, war
verschwunden.
Die
Sonne war schon fast hinter den Berggipfeln verschwunden, als sie im Horst
eintraf. Schlagartig wurde es ruhig. Alle beobachteten gespannt, wie sie auf die
Älteste zuging und sich neben sie stellte.
Stolz
richtete sie sich auf. Ihr Blick suchte den Snowfeather’s und mit einem Lächeln
verkündete sie:
„Ich
bin Soulsinger!“
[1] Große Raubvögel: ein Eigenname
[2] Horst: umfasst sämtliche Wohnhöhlen der Skydancer